Warum ich etwas mit Aquaponik hadere

Vor ein paar Tagen erreichte mich über die Kommentarfunktion folgende Nachricht:

Moin Arne,
schon mal Afrikanische Welse probiert? Die fühlen sich in hoher Dichte Wohl und liefern dadurch auch mehr Nährstoffe für deine Pflanzen. Unsere Anlagen Arbeiten mit ca 250Kg/m³ ! In deinen IBC passen somit sicherlich 80 Fische (Bei kleinen Becken sollte es etwas weniger sein). Sie mögen es schön Warm bei 27°, also im Sommer kein Problem. Für den Rest der Zeit mit Solar oder/und Strom Heizen? Da sie auch innerhalb von 150 Tagen (10->1500g) Schlachtreif sind ist auch eine Batch produktion nur über den Sommer möglich. Hab hier selbst ein Aquaponik Gewächshaus mit den Tieren aufgezogen.
Was die Verbindung von IBCs angeht, das ist kein Problem mit PVC Teilen, auch der Kleber ist standard für Kreislaufanlagen und ist sehr stabil. Die weichen IBCs gleichen dann auch Spannungen gut aus. Zur Not kann man auch Flexible Schläuche nehmen.

Erst einmal möchte ich mich für diese Anregungen bedanken, da sie sehr wertvoll sind, wenn man eine Aquaponik wirtschaftlich betreiben möchte.

Aber da fängt mein Problem an. Wirtschaftlichkeit bedeutet nicht immer Nachhaltigkeit und auch nicht Artgerechtigkeit oder Umweltfreundlichkeit.

Tierwohl

Wer eine professionelle Aquakultur betreibt, steht unter enormen Druck, diese wirtschaftlich zu optimieren. In Ökoaquakultur z.B. sind Besatzdichten von nicht mehr als 20-25 kg/m³ Fisch vorgesehen (Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung). Das sind 20 bis 40 Forellen in gerade mal 1000l Wasser. Bei einer Besatzdichte von 250kg/m³ hätte man entsprechend 200 bis 400 Tiere in einem Kubikmeter. Ich lebe mit zwei Vegetarierinnen zusammen und esse nur noch wenig Fleisch und Fisch, weil ich Massentierhaltung für den falschen Weg halte. Ein paar hundert Fische in ein paar hundert Litern Wasser ist für mich eine nicht artgerechte Massentierhaltung.

Im Hobbybereich kommt dazu, dass wir nicht die Sensoren und Steuerungssysteme besitzen, um so ein empfindliches Ökosystem permanent zu überwachen und gegebenenfalls unmittelbar, automatisiert eingreifen zu können. Ein IBC mit 600-800l Wasser und ein paar hundert Fischen ist kein stabiles Ökosystem sondern ein sehr fragiler, technischer Regelkreis. Kleine Fehler können schnell zu hohen Verlusten bei den Tieren führen.

Ökologie&Nachhaltigkeit

Der Afrikanische Wels mag wirtschaftliche eine interessante Art sein, da es ein schnell wachsender Überlebenskünstler zu sein scheint. Aber hier ist natürlich auch ein Problem, wenn so eine extrem adaptive Art aus Kreislaufanlagen entkommt und zur invasiven Art wird. Das mag für den Afrikanischen Wels in Deutschland nicht so ein großes Problem sein, aber in anderen Ländern scheint seine Haltung wegen der Probleme für die natürlichen Ökosysteme illegal zu sein bzw. die Art gilt als invasiv , wie eine schnelle Netzrecherche ergab.

Der Afrikanische (Raub-)Wels ist ein Raubfisch. Das bedeutet, dass die Fische für sein Futter auch irgendwo herkommen müssen. Das Aufspüren ökologisch vertretbarer Fischfutter hat mich schon einige Zeit gekostet (ohne dass ich zu erfolgreich war).

Wenn man nicht irgendwo Prozesswärme (z.B. aus einer Agrargasanlage) über hat, ist es nicht nachhaltig Becken ganzjährig auf 25°C zu halten.

PVC sehe ich wegen hormonell wirksamer Substanzen wie Phthalaten als Baustoff für Anlagen kritisch (s.a. Seiten des Bundesumweltamtes zu Phthalaten). Gewerbliche Anlagenbetreiben haben hier vielleicht andere Möglichkeiten in der Analytik als Hobbyisten wie ich, um Probleme und Belastungen zu vermeiden – hoffe ich…

Damit bin ich wieder am Anfang dieses Artikels. Die Hinweise aus dem Kommentar sind unter rein wirtschaftlicher Betrachtung gut und wertvoll. Wenn man aber einen weiteren Blickwinkel nutzt und auch Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Tierwohl einbezieht, sieht die Betrachtung anders aus.

4 Gedanken zu „Warum ich etwas mit Aquaponik hadere

  1. Moin Arne,
    Danke für deine Antwort. dazu will ich ergänzend noch was sagen, da ich sehr häufig ,mit diesen Fragen konfrontiert werde.

    Tierwohl: Ja du hast Recht bei den Forellen. Aber, jeder Fisch (genauso wie jedes Landlebewesen) ist anders und das wird sehr häufig bei diesen Überlegungen vergessen. Hält man die Welse zB bei den geringen Dichten der Forelle, so würden sie sich einfach nur zerfleischen. Eine Massentierhaltung fängt bei denen meist so über 400 Kg/m³ an und ja manche Betriebe halten sie sogar noch dichter (hab schon von bis zu 800Kg/m³ gehöhrt!!! das da überhaupt noch was lebt…). Da ist dann mehr Wels als Wasser im System. Find ich auch nicht gut. Bei den Welsen ist das Besondere, dass sie in Lebenräumen vorkommen die regelmäßig eintrocknen. Daher hat dieser Wels einen eingebauten Mechanismuss entwickelt, dass wenn es enger wird er friedlicher wird. Ich kenne die Richtlinien und sie sind ein wenig quatsch, da man für jede Art anders entscheiden muss. Einen Hecht kann man nicht im Schwarm halten, und eine Sprotte findet alleine sein (oder zu kleine Schwärme) auch ziemlich doof. Fische zeigen einem auch ziemlich schnell dass was nicht stimmt indem sie krank werden und sterben. Zudem kann man auch die Stresshormone im Fleich nachweisen. Für den Wels ist das in der Besatzdichte alles im optimalen Bereich.

    Steuerungen: Grade im Hobbybereich gibts doch vielzähliche Möglichkeiten. Einfache Regler zB für Temperatur und Stromüberwachung sind schon sehr günstig zu haben. Einfach mal bei ebay oä nachschauen. Dann gibt’s für Fortgeschrittene auch Arduino, RasPi. Praktisch ist dass der Wels gegen die meisten Miserien sehr tollerant ist und auch mal den einen oder anderen Fehler, den grade unerfahrene Fischzüchter mal machen, gut wegsteckt. So kann er zB auch Luft atmen wenn mal Pumpen oder Sprudelsteine ausfallen. Eine Forelle liegt binnen Sekunden Bauch oben. Auch ein IBC, grad in verbindung mit Aquaponik kann ein sehr stabiles System ergeben, es kommt da immer auf die Auslegung an. Zu viele Fische + wenig Filter=Schlecht, Viele Fische + viel Filter= Gut. Wie gesagt die Aquaponik braucht meist mehr Nährstoffe als die Fische liefern können. Kann also noch einiges wegstecken und die Wurzeln sind ausgezeichnete Mikrofilter.

    Ökologie: Jau, in manchen Ländern ist der Afrikanische Wels eine Pest. Aber nicht bei uns. Er ist ein Warmwasserfisch der hier nicht überleben kann. Und das ist nicht wie bei den Austern in der Nordsee wo nur noch 1-2 Grad fehlen, nee es sind hier deutliche Unterschiede von über 15°C. Er kann zwar mal ausbüchsen (wird mancherorts sogar in Teiche als Angelfisch eingesetzt) stirbt dann aber spätestens wenn das Wasser unter 15°C wird. In manchen Seen wird das in der Tiefe nicht mal im Sommer erreicht.

    Nachhaltigkeit: Isst du Fleisch? Isst du Fisch? Isst du Gemüse? Ok, dieses Thema wird in der Presse oft falsch dargestellt und wir alle Leben in einer Traumwelt. Alles dreht sich um tierisches Protein im Futter. Um es kurz zu halten für gezüchtete Tiere: 1Kg Rind braucht mehr als 13Kg Futter, 1Kg Schwein etwa 6, Huhn ca 3-4 Kg, Fisch 1,2 Kg. (Der Wels liegt sogar bei 0,9 wenn man alles richtig macht, also mehr Tier als eingesetztes Futter). Hinzu kommt dann noch die Ausbeute, da liegt Fisch im Vergleich auch weit vorne. Was oft vergessen wird ist das 1Kg Futter auch mehr als 1Kg Rohware braucht. Bei den modernen futtersorten ist das Fischmehl inzwischen unter 10% Anteil gesunken. Klaro, kommt oft noch von Wildfang. Aber jetzt kommt’s, Fischmehl wird auch für die anderen Tierarten als Futter genutzt und sogar als dünger für Gemüse (oft auch indirekt). In 1Kg Kuh, Milch, Schwein oder Huhn ist somit oft mehr Fischmehl verwendet worden als in 1Kg Zuchtfisch. Wie viel genau in einem Kg Gemüse im Schnitt steckt müsste man mal rausfinden. Wer lieber auf Wildfisch setzt, so sollte dieser nur kleine Fische wie Sprotten Essen die sich direkt von Plankton ernähren. Wilde Raubfische wie Dorsch, Zander, Forelle oä haben oft das 10 fache und mehr pro Kg gebraucht als Zuchtfisch. Bei der verbrauchten fossilen Energie, selbst bei Warmwasser ist es auch wesentlich energetischer Fisch zu züchten als Wildfisch zu fangen.

    PVC: Die Eingesetzten Plastiken sollten zumidestens als Lebensmittelsicher eingestuft sein. Wie bei allen Kunststoffen treten hier in absolut geringsten Mengen potientell gefährliche Stoffe aus. Dies ist aber ein grundsätzliches Problem in unserer Umwelt und leider sind wir auch nirgendwo mehr sicher davor. Plastik ist inzwischen überall, selbst im Grundwasser. Der IBC ist ebenfalls aus Plastik. HartPVC hat sicherlich nicht so viele Weichmacher wie weiches PVC aber selbst BPA freies Plastik hat dafür andere ebenso schädliche Stoffe als Ersatz drin (toller Marketting Trick). Fakt ist, dass solche Anlagen extrem wenig freigeben. Wenn das Plastik alt wird treten immer mehr solcher Stoffe aus. Wenn man es genau nimmt gibt es bei fast jedem Erzeugniss heutzutage Kontakt mit Plastik und auch alles was wir anfassen. Der Mensch hat es geschafft die Welt in eine Pastikschicht zu wickeln, in den nächsten 10 Jahren verdoppelt und verdreifacht sich das noch. Wenn du dir Sorgen um eine Aquakultur machst, dann denk auch an den Reifenabrieb im Gemüseanbau, das ist dann zB auch Mikroplastik (sehr hohe Oberfläche) mit vielen Weichmachern die direkt in die Nahrung gelangen. Ich will das Problem der Kunstoffbecken ect hier nicht abwinken, ich denke nur das wir es in Relation sehem müssen, sämtliche anderen Rohstoffe haben auch ihre Abfall- und Schadstoffe in der Produktion und im Gebrauch. Leider haben wir nicht viele Alternativmöglichkeiten die Menscheit besser satt zu bekommen ohne gleichzeitig mehr oder andere Probleme zu erschaffen. Ich hoffe sehr dass sich da noch was tut. Falls irgendwem mal einfällt was man derart skalieren kann, wäre das super.

    Vielleicht hab ich dir und deinen lesern noch etwas Licht in die komplexe Dunkelheit dieser Themen gebracht. Es ist leider nicht immer alls so einfach wie wir alle uns das gerne vorstellen wollen. Ob Wels oder Tilapia oder sonst ein Fisch, Aquaponik ist eine schicke Sache und selbst im Hobbybereich eine tolle und ertragreiche Art unsere Narung zu erzeugen.

    • Hallo Mark,
      vielen Dank für Dein „Licht in der komplexen Dunkelheit dieses Themas“!

      Wenn Du meinen Blog – der ja von der Faszination der Aquaponik berichtet – ausführlicher studiertest, so fiele Dir sicher auf, dass ich mich z.B. mit dem Thema Futter-Konversionsraten ausgiebig auseinandergesetzt habe und gerade deshalb die Aquaponik ja auch spannend finde (s.a. z.B. Wurmfarm zur Futtererzeugung).

      Was die Steuerung mit Raspis angeht, ist das sicher eine klasse Idee. Ich bastle gerne mit den Dingern. Ich habe aber auch bummelig 40 Jahre Erfahrung mit Computern und Hardware auf dem Buckel. Und trotzdem passiert es mir noch, dass ich vergesse ein Backup der SD-Karte meiner Wetterstation zu machen und alle meine wunderbaren Anpassungen an der Software sind samt der Messdaten beim Crash der SD-Karte hin. Denn die Dinger sind leider nicht für endlose Schreibvorgänge konzipiert. Falls Du übrigens eine günstige Quelle für Sensoren zur Sauerstoffsättigung und pH hast, wäre ich sehr interessiert. Temperaturfühler gibt es ja für ein paar Cent.

      Und Du hast natürlich Recht, dass die Wirkungsnetze unser Nahrungsmittelproduktion mittlerweile so komplex sind, dass sie für uns kaum noch nachvollziehbar sind. Deshalb baue ich einen großen Teil unseres Gemüses hinter dem Haus mit einfachen Methoden an. Das ist finanziell alles andere als attraktiv, aber so weiß ich, dass wir z.B. kein marokkanisches Grundwasser in Form von Gemüse auf dem Teller haben.

      Wegen dieser Komplexität können wir uns jetzt noch monatelang Argumente um die Ohren hauen. Dabei liegen wir doch gar nicht so weit entfernt voneinander, oder?
      Wir suchen beide nach Wegen verantwortungsvoll Nahrungsmittel zu erzeugen. Nur sind bei der Komplexität des Themas durch unterschiedliche Gewichtungen unsere Antworten verschieden. Deshalb habe ich auch nicht den Anspruch Licht in Dein Dunkel zu bringen, denn Du weißt doch offensichtlich, was Du tust. Andere Leute wissen das aber auch…

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